Newton, der hatte es ja einfach. Der wusste ja, wovon er sprach.
Er sah einen Apfel an einem Baum hängen. So ein Apfel ist schon sehr real und so ein Baum auch. Newtons Apfel hing eine Weile da, in der warmen Spätsommersonne, und wurde immer dicker und saftiger. Irgendwann fiel er nach unten, in das grüne Gras hinein. Und Newton fragte sich, wie viel Zeit der Apfel wohl gebraucht hatte, um von oben nach unten zu fallen.
Abb 1 Newtons RealweltobjektDazu ging Newton in die Mathewelt. Dort lief er eine Weile herum und schaute sich um. Dann nahm er ein paar Mathewelt-Objekte her und symbolisierte damit Eigenschaften von Apfel und Welt, wie Geschwindigkeit und Masse und Zeit. Und weil die reale Welt so freundlich ist, sich auf diese Weile symbolisieren zu lassen, hat auch ganz vieles gut zusammen gepasst. Und Newton merkte sich den Zahlenwert des Mathewelt-Objektes, das die Fallzeit des Apfels symbolisierte, ging wieder in die Realwelt und bestimmte mit der Stoppuhr den Zahlenwert der realen Fallzeit. Und er fand, dass beide Zahlen identisch waren. Und Newton hob dem Apfel auf und biss genüsslich hinein.
Wie gesagt, Newton hatte es gut, denn er wusste, wovon er sprach. Es ist schon klar, dass ein Apfel in die Realwelt gehört und ein Integral in die Mathewelt. Aber jetzt, in der moderneren Physik, geht es gar nicht mehr um Äpfel sondern um ganz seltsame Dinge bei denen ich nicht mehr weiß was daran jetzt Mathe ist und was Realität.
Leuchten wir doch mal mit einem Laser durch einen Doppelspalt. Dann sieht man auf dem Schirm dahinter rote Flecken. Die sind real, die sind wirklich. Aber was sind sie denn? Jaa... sagen wir, sie bestünden aus Photonen, also aus punktförmigen Objekten mit Energie.
Mit Energie.. was heißt das denn? Was ist denn eine Energie? Kann man das essen, werfen, kaputt hauen? Nein, kann man nicht. Man kann es gar nicht wahrnehmen. Energie ist ein Konstrukt, das angenommen wird um Veränderungen in der Welt zu beschreiben. So etwas wie ein Dämon. Wenn ich abergläubisch wäre, hätte ein Dämon, zum Beispiel ein Hageldämon oder ein Hustendämon, für mich einen hohen ontologischen Status. Und Energie? Wenn ich annehme dass sie real ist, bin ich dann abergläubisch? Wenn ich annehme dass es etwas gibt obwohl ich es nicht wahrnehmen kann? Tja nun. Sagen wir, Energie hat einen ontologischen Status der irgendwo zwischen Realwelt und Mathewelt herumwabert.
Abb 2 Veranschaulichung des ontologischen Status' der Energie: Der HageldämonAlso sage ich doch lieber, dass ich ein punktförmiges Objekt mit roter Farbe habe. Rot ist real, das kann ich wahrnehmen. Also hab ich eine punktförmige Rotportion gefunden.
Punktförmig ist sie weil ich sie an genau einem Ort messe. Allein schon mit dem Auge sehe ich dass das Rot nicht das ganze Labor ausfüllt sondern auf einen Ort beschränkt ist. Wenn man genauer hinguckt und zum Gucken auch noch Messgeräte verwendet, dann stellt man fest dass dieser Ort doch gar nicht so genau zu bestimmen ist. Das wäre noch nicht so schlimm. Ungenauigkeit gibt es auch in der Normalwelt. Stellen wir uns ein Schaf in der Baumwollernte vor, bei dem man auch nicht genau weiß wo das Schaf aufhört und die Baumwolle anfängt.
Abb 3 Veranschaulichung der Unschärferelation: Das Schaf in der BaumwollernteÜbler wird es allerdings, wenn man annimmt dass diese Ungenauigkeit nicht nur an der ungenauen Messung liegt sondern am System. Dass es also tatsächlich gar keine klare Grenze zwischen Schaf und Baumwolle gibt. Und noch schlimmer, wenn man daran denkt, was man den Atomen beim Stern-Gerlach-Experiment antut: Im Schafbild wäre die z-Komponente des Drehimpulses ein Schaf auf der grünen Wiese, die x- und y-Komponenten aber, naja, ein über die ganze Baumwollernte verteiltes Schaf. Wie gemein. Und wie seltsam.
Aber gut, ich messe eine mehr oder weniger punktförmige Rotportion. Und bevor ich sie gemessen habe, was war sie da? Ist sie davor durch den Raum geflogen und war also zu einem vorherigen Zeitpunkt an einem anderen Ort eine mehr oder weniger punktförmige Rotportion? Nein, das war sie überhaupt gar nicht. Sie bewegte sich als Wahrscheinlichkeitsamplitudenwelle durch den Raum und manifestierte sich erst als Portion als ich sie gemessen habe.
Oookay. Eine Wahrscheinlichkeitsamplitudenwelle. Aha.
Eine Wahrscheinlichkeit, das ist doch erst mal ein mathematisches Objekt. Ich verwende dieses mathematische Objekt zum Beispiel wenn ich Würfelwürfe beschreiben möchte. Das ist wieder dasselbe wie bei Newtons Apfel: Ich kann ganz oft die Würfel werfen und die Zahlen aufschreiben und stelle fest dass es eine Korrespondenz zum Matheobjekt „Wahrscheinlichkeit“ gibt. Dabei sind aber immernoch die Würfel Realweltobjekte und die Wahrscheinlichkeit ist ein Matheweltobjekt.
Abb 4 Würfel als Realweltobjekte - die Wahrscheinlichkeit selbst ist nicht zu sehenUnd jetzt wird hier behauptet, Licht sei eine Wahrscheinlichkeitsamplitudenwelle. So ein Blödsinn.
Eine Wahrscheinlichkeitsamplitudenverteilung ist erst mal ein Matheobjekt, und wenn man damit, also mit dem quantenmechanischen Zustand, in der Mathewelt hantiert, dann bekommt man heraus, was für Werte man real messen wird, wenn man denn eine Messung durchführt. Also Werte für den Ort zum Beispiel. Mit dieser Argumentation hat ein Zustand einen ähnlichen ontologischen Status wie die Energie. Irgendwas zwischen Mathe und Realität. Der Unterschied ist nur, dass Energie immer Energie bleibt, während Licht, das vor der Messung nur mit Hilfe eines Zustandes beschrieben werden kann, durch die Messung zu einem realen Objekt wird.
Ich kann also entweder sagen dass es vor der Messung gar kein Licht gab – was seltsam wäre weil es dann durch die Messung aus dem Nichts geboren würde – oder dass es vor der Messung irgendetwas war, das ich nicht kenne. Allerdings kann man dann dafür, dass man Licht vor einer Messung gar nicht kennt, erstaunlich viele Aussagen darüber treffen. Also ist es vielleicht doch eine reale Wahrscheinlichkeitsamplitudenwelle. Die im übrigen auch so betrachtet werden kann dass sie sich gar nicht bewegt sondern eine statische Wahrscheinlichkeitsverteilung verursacht, in die man Energieportionen – oh wie anschaulich – hineinladen kann. Des weiteren stellt sich die Frage inwieweit ich so einfach einen Zustand als ontische Grundlage annehmen kann wenn doch die Zeitabhängigkeit gar nicht eindeutig dem Zustand zuzuordnen ist sondern auch als Eigenschaft des Operators verstanden werden kann. Ich könnte auch Operatoren zur Grundlage der physikalischen Realität hinzufügen und, wenn ich schon dabei bin und weil ohne sie der Operator nicht zu bearbeiten ist, die Eigenwertgleichung und am besten gleich die ganze Algebra und überhaupt die Mathematik, womit ich dann, um zur ursprünglichen Frage nach der Trennung von Mathematik und Realität zurückzukommen, jene Trennung ganz aufgehoben habe und zu einer platonischen Sichtweise gelangt bin in der das Integral genauso real ist wie der Apfel. Und gerade da wollte ich gar nicht hin.
Es ist so wunderbar einfach, sich zu verwirren.
Newton, der hatte es ja gut. Der wusste ja, wovon er sprach.