Gudruns Modellbaukasten

Ich habe von einem Luftschiff geträumt. Es war wie ein altes Segelschiff aus Holz gezimmert, aber es hing an einem großen, mit Helium gefüllten Ballon und trug uns über die Wolken. Leider wachte ich auf und stellte fest, dass das Schiff nicht real gewesen war.

Und woher wusste ich das? Wie weiß ein Mensch denn, was real ist und was nicht?

Indem er lernt, die Welt zu interpretieren.

Schauen wir uns einen Beispielmenschen an, Gudrun. Das erste, das Gudrun von der Welt wahrnimmt, sind Sinneseindrücke. Farben und Gerüche und Empfindungen auf der Haut. Das verwirrt sie und bringt ihr keine Erkenntnis. Aber glücklicherweise kann ihr Verstand die Sinneseindrücke ordnen. Vereinfachungen vornehmen, Muster bauen. Und so lernt Gudrun, dass das Weiche, Braune und Kuschelige neben ihr eine räumlich begrenzte Einheit bildet, die bestehen bleibt, auch wenn sie es bewegt oder deformiert. Sie bildet mit ihrem wachen Verstand das Modell eines Gegenstandes, in diesem Fall eines Teddys, und merkt sich die Regel: Etwas sinnlich Wahrnehmbares, das sich als eine Einheit erfassen lässt, ist ein Gegenstand.
Aber dieses einfache Modell verursacht Probleme. Da ein Gegenstand etwas Wahrnehmbares sein muss, hört ein Gegenstand auf, zu existieren, wenn man ihn nicht mehr wahrnimmt. So wie Mama zum Beispiel, die aus dem Raum geht. Die Existenz einer Mama endet und beginnt immer wieder von neuem. Da jede neu entstandene Mama der alten aber in erstaunlicher Exaktheit ähnelt, passt Gudrun ihr Modell dieser Gegebenheit an. Ein Gegenstand bleibt ein Gegenstand, auch wenn er im Augenblick nicht wahrzunehmen ist. Damit bleibt Mama Mama, was Gudruns Leben entscheidend vereinfacht. Und sie merkt sich die neue Regel: Ein Gegenstand ist alles, von dem die eigene Erinnerung einem sagt, dass man es einmal als Gegenstand erfasst hat.
Eines Tages sieht Gudrun eine Blasenkammer, in der Spuren hinterlassen wurden. Diese Spuren sind deutlich wahrnehmbar, es sind also Gegenstände. Allerdings kann Gudrun keinen Gegenstand wahrnehmen, der die Ursache für diese Spuren sein könnte. Da aber ähnliche Spuren in ähnlichen Situationen entstehen, hält Gudrun es für angenehm, sich vorzustellen, dass es einen Gegenstand gäbe, der sie verursacht. Ähnlich wie vorher bei Mama ist es also für Gudrun praktisch, ihr Modell zu modifizieren und damit zum Beispiel Elektronen zu Gegenständen zu erklären: Ein Gegenstand ist entweder etwas, das man schon einmal wahrgenommen hat oder etwas, von dem man nicht es selbst, aber seine Spuren wahrgenommen hat.
Gudrun erfährt noch viel mehr über Elektronen. Elektronen zeigen Verhaltensweisen, die nicht begründbar sind durch die Wirkung anderer Gegenstände. Zum Beispiel haben Elektronen in der Nähe eines Atomkernes quantisierte Energiezustände, obwohl sich keine Sprossenwand oder Treppe in der Nähe des Kerns befindet. Um aber eine Ursache für dieses Verhaltens von Elektronen zu haben, kann man annehmen, dass die Realität eine Struktur hat. Und tatsächlich erfährt Gudrun von der Diracgleichung, die angibt, wie diese Struktur auf Elektronen wirkt. Da Gudrun gerne annehmen möchte, dass das Verhalten von Elektronen eine Ursache hat, erneuert sie also nochmal ihre Definition eines Gegenstands: Ein Gegenstand kann auch eine Struktur sein, aus der das Verhalten von Gegenständen folgt.
So baut sich Gudrun ihre Realität zusammen.
Was sie für Realität hält, ist modellabhängig.

Was für Gudrun gilt, gilt auch für mich. Das bedeutet, dass ich bei einem anderen Modell von Realität das elegante Luftschiff aus dem Traum für Realität halten dürfte und den lärmenden Wecker am Morgen nicht. Das fände ich gar nicht unangenehm. Aber ehrlich gesagt absurd.